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Landwirtschaft und Treibhausgase: Die CO₂-Bilanz im Faktencheck

SSophia Weinert 5 min Lesezeit

Landwirtschaft und Treibhausgase: Die CO₂-Bilanz im Faktencheck

Die Landwirtschaft ist für rund 7 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich – mit Methan aus der Tierhaltung und Lachgas aus der Düngung als Hauptverursachern. Dieser Faktencheck beleuchtet, welche Gase wirklich entstehen, wie groß das Senkenpotenzial landwirtschaftlicher Böden ist und welche Maßnahmen nachweislich helfen, die CO₂-Bilanz der Landwirtschaft zu verbessern.

Wer über den Klimawandel spricht, denkt zuerst an Kraftwerke, Autos und Flugzeuge. Dabei ist die Landwirtschaft weltweit für rund 10 bis 12 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich – in Deutschland lag der Anteil laut Umweltbundesamt zuletzt bei etwa 7,1 Prozent der nationalen Emissionen. Diese Zahlen klingen zunächst klein, täuschen aber: Hinter ihnen verbirgt sich ein komplexes Zusammenspiel aus Methan, Lachgas und Kohlendioxid, das sich fundamental von den Emissionen industrieller Sektoren unterscheidet.

Welche Treibhausgase entstehen in der Landwirtschaft?

Der Begriff „Landwirtschaft CO2" greift zu kurz. Tatsächlich dominieren in der Landwirtschaft zwei andere Gase: Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O). Methan entsteht vor allem bei der Verdauung von Wiederkäuern – der sogenannten enterischen Fermentation – sowie beim anaeroben Abbau organischer Substanz in Gülle und Mist. Lachgas hingegen wird hauptsächlich durch mikrobiologische Prozesse im Boden freigesetzt, besonders nach der Ausbringung von Stickstoffdünger.

Das macht die Klimawirkung der Landwirtschaft so gravierend: Methan hat über einen Zeitraum von 100 Jahren ein Treibhauspotenzial, das etwa 28-mal höher ist als das von CO₂. Lachgas übertrifft CO₂ sogar um den Faktor 265. Ein Kilogramm Methan aus dem Pansen einer Kuh wiegt klimatisch also deutlich schwerer als ein Kilogramm CO₂ aus einem Pkw-Auspuff. Kohlendioxid entsteht in der Landwirtschaft vor allem durch den Einsatz von Maschinen, die Herstellung von Mineraldüngern und die Entwässerung von Moorböden.

Besonders Moore verdienen besondere Aufmerksamkeit: Entwässerte Moorböden, die landwirtschaftlich genutzt werden, setzen in Deutschland jährlich rund 53 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente frei – das entspricht mehr als dem gesamten Straßenverkehr Bayerns. Dabei machen landwirtschaftlich genutzte Moore weniger als fünf Prozent der deutschen Ackerfläche aus.

Methan aus der Tierhaltung: Fakten statt Pauschalurteile

„Methan Tierhaltung" ist ein Stichwort, das in Klimadebatten für Zündstoff sorgt. Die Zahlen sind eindeutig: Weltweit entfallen auf die Rinderhaltung allein rund 65 Prozent aller aus der Landwirtschaft stammenden Methanemissionen. Pro Kuh und Jahr werden je nach Fütterung und Haltungsform zwischen 70 und 120 Kilogramm Methan ausgestoßen. Hochgerechnet auf die globale Rinderpopulation von rund einer Milliarde Tiere ergibt sich ein enormes Emissionsvolumen.

Doch Pauschalurteile helfen hier nicht weiter. Die Emissionsintensität – also die Menge an Treibhausgasen pro Kilogramm erzeugtem Lebensmittel – variiert enorm je nach Produktionssystem. Ein Liter Milch aus extensiver Weidehaltung in Irland hat eine ganz andere Klimabilanz als Milch aus einem intensiven Stallsystem in den Niederlanden. Entscheidend sind Faktoren wie Fütterungseffizienz, Tiergesundheit, Haltungsdauer und der lokale Energiemix.

Forschungsprojekte wie das EU-Programm „Leguminose" zeigen, dass der Einsatz von Hülsenfrüchten im Futter die Methanemissionen von Milchkühen um bis zu 20 Prozent senken kann. Das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik arbeitet zudem an Futterzusätzen auf Basis von 3-Nitrooxypropanol (3-NOP), die die Methanproduktion im Pansen direkt hemmen. In Pilotprojekten im Allgäu wurden damit Reduktionen von 25 bis 30 Prozent erreicht – ohne Leistungseinbußen bei den Tieren.

Lachgas und Stickstoff: Der unterschätzte Klimafaktor

Während Methan aus der Tierhaltung öffentlich stark diskutiert wird, fristet Lachgas aus der Düngung ein Schattendasein – zu Unrecht. Die Stickstoffüberschüsse in der deutschen Landwirtschaft sind seit Jahrzehnten ein Problem: Wird mehr Stickstoff ausgebracht als Pflanzen aufnehmen können, wird ein Teil davon durch Bakterien im Boden zu Lachgas umgewandelt. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium stammten 2022 rund 79 Prozent der deutschen Lachgasemissionen aus der Landwirtschaft.

Besonders problematisch: Lachgas bleibt im Schnitt 114 Jahre in der Atmosphäre – deutlich länger als Methan (etwa 12 Jahre). Eine einmal ausgestoßene Menge wirkt also über Generationen. Präzisionsdüngung, Nitrifikationsinhibitoren und der Umstieg auf organische Düngeverfahren gelten als die wirksamsten Hebel. Das Projekt „N-Pilot" in Brandenburg hat gezeigt, dass durch sensorgestützte Düngung der Stickstoffüberschuss pro Hektar um durchschnittlich 18 Kilogramm reduziert werden kann – was direkt mit niedrigeren Lachgasemissionen korreliert.

Landwirtschaft als Kohlenstoffsenke: Das Potenzial des Bodens

Die Klimadiskussion fokussiert sich zu sehr auf Emissionen und zu wenig auf Senken. Landwirtschaftlich genutzte Böden können unter den richtigen Bedingungen erhebliche Mengen an Kohlenstoff binden. Humusreiche Ackerböden speichern pro Hektar bis zu 100 Tonnen Kohlenstoff – das entspricht etwa 367 Tonnen CO₂. Jede Erhöhung des Humusgehalts um 0,1 Prozentpunkte auf einem Hektar Ackerboden bindet rund 3 Tonnen CO₂.

Praktiken wie Direktsaat, Zwischenfruchtanbau, der Einsatz von Kompost und Biokohle sowie eine reduzierte Bodenbearbeitung fördern den Humusaufbau messbar. Der Betrieb Gut Leinstein in Sachsen-Anhalt etwa wirtschaftet seit 15 Jahren nach regenerativen Prinzipien: Der Humusgehalt seiner Böden stieg von 1,8 auf 3,2 Prozent, was einer jährlichen Kohlenstoffbindung von schätzungsweise 5 bis 6 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Hektar entspricht. Ähnliche Ergebnisse zeigen Langzeitstudien des Thünen-Instituts aus verschiedenen deutschen Regionen.

Eng mit dieser Strategie verbunden ist der Ansatz der Agroforstwirtschaft: Wenn Bäume systematisch in Ackerflächen integriert werden, verändert sich die Kohlenstoffbilanz eines Betriebs grundlegend. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag Agroforst: Bäume auf dem Acker als Klimastrategie, der konkrete Projekte und deren Emissionsbilanzen vorstellt.

Fünf Stellschrauben für eine bessere Klimabilanz in der Landwirtschaft

Landwirte stehen vor der Aufgabe, produktiv zu wirtschaften und gleichzeitig Treibhausgase zu reduzieren. Das ist kein Widerspruch – wenn die richtigen Instrumente eingesetzt werden. Die folgenden Maßnahmen sind wissenschaftlich gut belegt und lassen sich in sehr unterschiedlichen Betriebsstrukturen umsetzen:

  • Präzisionsdüngung: Sensorbasierte Systeme (z. B. N-Tester, YARA N-Sensor) helfen, Stickstoffgaben exakt auf den Pflanzenbedarf abzustimmen und Überschüsse zu vermeiden.
  • Fütterungsoptimierung bei Wiederkäuern: Erhöhter Anteil an Tanninen (aus Esparsette, Hornklee), Hülsenfrüchten oder zugelassenen Futterzusätzen senkt die Methanproduktion im Pansen nachweislich.
  • Moorrenaturierung: Die Wiedervernässung entwässerter Niedermoore ist eine der kosteneffizientesten Klimaschutzmaßnahmen in Deutschland – mit Synergien für Biodiversität und Wasserhaushalt.
  • Humusaufbau durch Direktsaat und Zwischenfrüchte: Reduzierte Bodenbearbeitung schützt Bodenstrukturen und fördert das mikrobielle Leben, das für die langfristige Kohlenstoffbindung verantwortlich ist.
  • Biogasnutzung aus Gülle: Statt Gülle offen zu lagern und Methan ungenutzt entweichen zu lassen, kann sie in Biogasanlagen vergärt werden – das reduziert Methanemissionen und erzeugt gleichzeitig erneuerbare Energie.

Klimawandel und Landwirtschaft: Ein Teufelskreis mit Ausweg?

Die Landwirtschaft ist nicht nur Verursacherin von Treibhausgasen, sondern auch Leidtragende des Klimawandels. Extremwetterereignisse wie Dürresommer 2018 und 2022 haben deutschen Landwirten Ernteeinbußen von 20 bis 40 Prozent beschert. Steigende Temperaturen verschieben Vegetationsperioden, bringen neue Schädlinge und gefährden Bodenwasserhaushalt. Wer mehr über die regionalen Folgen erfahren möchte, findet fundierte Analysen in unserem Artikel Klimawandel und Ernteverluste: Welche Regionen trifft es am härtesten?.

Die gute Nachricht: Viele Klimaanpassungsmaßnahmen sind gleichzeitig Klimaschutzmaßnahmen. Wer Böden mit höherem Humusgehalt aufbaut, erhöht deren Wasserspeicherkapazität und macht sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit. Wer Agroforstsysteme anlegt, schafft Windschutz und reduziert die Evapotranspiration. Wer Niedermoore vernässt, stabilisiert das lokale Mikroklima. Die Interessen von Klimaschutz und Klimaanpassung laufen in der Landwirtschaft häufiger parallel, als die öffentliche Debatte vermuten lässt.

„Die Landwirtschaft ist kein Klimaproblem, das gelöst werden muss – sie ist ein Klimaakteur, der aktiviert werden muss." – Prof. Dr. Annette Freibauer, Thünen-Institut für Agrarklimaschutz

Entscheidend für den Fortschritt ist eine Agrarpolitik, die Klimaschutzleistungen honoriert statt nur Fläche. Instrumente wie Carbon Farming – also die Vergütung von messbarer Kohlenstoffbindung im Boden – befinden sich in Europa gerade im Aufbau. Die EU-Initiative „Carbon Removal Certification Framework" soll ab 2026 einen einheitlichen Rahmen schaffen, unter dem Landwirte für nachgewiesene Senkenleistungen bezahlt werden können. Pilotprojekte in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg laufen bereits und zeigen, dass Zertifizierungskosten bei größeren Betrieben wirtschaftlich darstellbar sind. Für die Klimabilanz der deutschen Treibhausgase Landwirtschaft könnte das ein echter Wendepunkt werden.

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Häufige Fragen

Die deutsche Landwirtschaft verursacht rund 7,1 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen. Dabei dominieren nicht CO₂, sondern Methan aus der Tierhaltung und Lachgas aus der Stickstoffdüngung. Hinzu kommen erhebliche CO₂-Emissionen aus der Entwässerung von Moorböden, die allein rund 53 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr freisetzen.

Die wirksamsten Hebel sind Präzisionsdüngung zur Reduktion von Lachgas, optimierte Fütterung von Wiederkäuern zur Senkung der Methanemissionen sowie Maßnahmen zum Humusaufbau wie Direktsaat und Zwischenfruchtanbau. Betriebe mit Gülleanfall können durch den Einsatz einer Biogasanlage Methanemissionen deutlich verringern und gleichzeitig Energie erzeugen.

Ja, und dieses Potenzial ist erheblich. Humusreiche Ackerböden können bis zu 100 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar speichern. Durch regenerative Bewirtschaftung, Agroforstsysteme und Moorrenaturierung lässt sich die Landwirtschaft von einer Emissionsquelle zu einer relevanten Kohlenstoffsenke entwickeln. Erste Carbon-Farming-Programme in Deutschland vergüten solche Leistungen bereits finanziell.