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Landgrabbing: Wenn Konzerne Böden des Globalen Südens kaufen

DDr. Lena Brachtmann 6 min Lesezeit

Landgrabbing: Wenn Konzerne Böden des Globalen Südens kaufen

Landgrabbing beschreibt den massenhaften Aufkauf von Agrarflächen im Globalen Süden durch ausländische Konzerne, Staatsfonds und Finanzinvestoren – mit gravierenden Folgen für Kleinbauern, indigene Gemeinschaften und lokale Ökosysteme. Mehr als 70 Millionen Hektar wurden seit der Jahrtausendwende erfasst. Der Artikel analysiert Hauptakteure, globale Hotspots, rechtliche Lücken und mögliche Gegenmaßnahmen.

Was ist Landgrabbing? Begriffsdefinition und Dimensionen

Landgrabbing – auf Deutsch häufig als „Landraub" oder „großflächiger Landerwerb" bezeichnet – beschreibt den massenhaften Aufkauf oder die Pacht von Agrarflächen in Ländern des Globalen Südens durch ausländische Investoren, staatliche Akteure oder multinationale Agrarkonzerne. Der Begriff wurde nach der Nahrungsmittelpreiskrise von 2007/2008 popularisiert, als sich die Investitionstätigkeit auf landwirtschaftlichen Flächen schlagartig intensivierte. Die Dimensionen sind beeindruckend: Laut der Datenbank Land Matrix wurden zwischen 2000 und 2023 weltweit mehr als 70 Millionen Hektar Land durch solche Transaktionen erfasst – eine Fläche, die in etwa der Größe von Frankreich entspricht.

Dabei ist „Landgrabbing" kein einheitlicher juristischer Begriff, sondern ein politischer Kampfbegriff, der eine Vielzahl von Transaktionsformen umfasst: langfristige Pachtverträge über 50 bis 99 Jahre, outright purchases (vollständige Eigentumsübertragungen) sowie Public-Private-Partnerships zwischen lokalen Regierungen und ausländischen Unternehmen. Die Übergänge zwischen legitimen Auslandsinvestitionen und missbräuchlichem Landraub sind dabei fließend. Entscheidend ist, ob die betroffene lokale Bevölkerung frei und informiert zugestimmt hat – das Prinzip des „Free, Prior and Informed Consent" (FPIC), das in der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker verankert ist, wird in der Praxis jedoch häufig ignoriert.

Hauptakteure: Wer kauft – und warum?

Die Käufer sind heterogen. Zu den prominentesten Akteuren zählen sovereign wealth funds aus Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die nach der Nahrungsmittelkrise 2008 damit begannen, ihre Ernährungssicherheit durch exterritoriale Agrarproduktion zu sichern. Saudi-Arabien erwarb beispielsweise allein in Äthiopien und Sudan Hunderttausende Hektar, um Getreide und Ölpflanzen direkt für den Heimatmarkt anzubauen – während in diesen Ländern gleichzeitig Millionen Menschen unter Hunger leiden.

Neben staatlichen Fonds treten zunehmend private Finanzinvestoren auf: Hedgefonds, Pensionsfonds und Private-Equity-Gesellschaften betrachten Agrarland als inflationssichere Anlageklasse. BlackRock, TIAA und andere institutionelle Anleger haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten signifikante Portfolios an Agrarflächen in Brasilien, Argentinien, Tansania und Mosambik aufgebaut. Hinzu kommen klassische Agrarkonzerne – von der Rohstoffbeschaffung für Palmöl, Soja, Zuckerrohr bis hin zu Biokraftstoffen. Unternehmen wie Cargill, Louis Dreyfus oder COFCO aus China kontrollieren globale Lieferketten und sichern sich dafür die landwirtschaftlichen Grundlagen direkt vor Ort.

Die Motive sind vielschichtig. Neben Ernährungssicherheit und Renditeerwartungen spielen auch der Zugang zu Wasserressourcen, Kohlenstoffzertifikate aus REDD+-Projekten sowie spekulative Preiserwartungen eine zentrale Rolle. Land gilt vielen Investoren als „das neue Gold" – eine Ressource mit begrenztem Angebot und wachsender globaler Nachfrage.

Hotspots und Fallbeispiele: Wo Landgrabbing besonders gravierend ist

Sub-Sahara-Afrika ist mit Abstand die am stärksten betroffene Region. Äthiopien, Mosambik, Tansania, Madagaskar und der Sudan haben in den vergangenen 20 Jahren die meisten großflächigen Landtransaktionen erlebt. Madagaskar wurde 2009 zum Ausgangspunkt eines politischen Erdbebens, als bekannt wurde, dass das südkoreanische Unternehmen Daewoo Logistics rund 1,3 Millionen Hektar – fast die Hälfte des gesamten Ackerlandes – für 99 Jahre pachten wollte. Der öffentliche Aufschrei trug mit dazu bei, dass Präsident Marc Ravalomanana gestürzt wurde. Der Deal wurde danach zwar offiziell abgebrochen, doch ähnliche Verträge wurden in deutlich weniger transparenter Weise weitergeschlossen.

In Mosambik wurden für den Anbau von Zuckerrohr zur Biotreibstoffproduktion in der Region Sofala und Manica Zehntausende Hektar verpachtet. Zahlreiche Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch dokumentieren, dass Kleinbauern ihre Felder verloren, ohne angemessene Entschädigungen zu erhalten. Ähnliche Muster zeigen sich in Kambodscha, Laos und Myanmar in Südostasien sowie in Teilen Lateinamerikas, wo besonders Soja- und Palmölexpansion einheimische Gemeinschaften verdrängt. Wie eng die Frage der Landrechte mit der globalen Ernährungssicherheit verknüpft ist, zeigt auch unser Beitrag Kleinbauern und Welternährung – Mythos oder Tatsache?.

Folgen für lokale Gemeinschaften und Ökosysteme

Die menschlichen Konsequenzen des Landgrabbing sind schwerwiegend. Schätzungen der Weltbank zufolge sind durch großflächige Landtransaktionen weltweit mehrere Millionen Menschen ihrer traditionellen Nutzungsrechte beraubt worden. Besonders betroffen sind:

  • Kleinbäuerliche Haushalte, die subsistenzwirtschaftlich von ihren Feldern leben und keine formalen Eigentumstitel besitzen
  • Indigene Gemeinschaften, deren Landrechte auf Gewohnheitsrecht basieren und rechtlich kaum durchsetzbar sind
  • Frauen, die in vielen Gesellschaften des Globalen Südens keinen eigenständigen Zugang zu formalem Landeigentum haben und daher besonders vulnerabel sind
  • Nomadische und halbnomdische Bevölkerungsgruppen, deren Weiderechte von staatlichen Behörden häufig nicht anerkannt werden
  • Zukunftsgenerationen, die von ökologisch sensiblen Flächen und traditionellem Wissen dauerhaft abgeschnitten werden

Neben den sozialen Folgen sind die ökologischen Schäden erheblich. Großflächige Monokulturen für den Export – Soja, Palmöl, Zuckerrohr – ersetzen artenreiche Savannenwälder, Feuchtgebiete und Kleinbauernmosaike. Der Einsatz von Pestiziden und Kunstdüngern kontaminiert Böden und Grundwasser. Studien der FAO zeigen, dass industrielle Landwirtschaft in Tropenzonen zwar kurzfristig hohe Erträge erzielt, langfristig jedoch zu erheblichem Bodendegradation führt. Besonders paradox: Viele der betroffenen Regionen, die ihr Land an ausländische Agrarkonzerne abgeben, importieren gleichzeitig Nahrungsmittel.

Rechtliche Rahmenbedingungen und ihre Lücken

Ein kohärentes internationales Regelwerk, das Landgrabbing effektiv verhindert, existiert bislang nicht. Die 2012 von FAO, IFAD und dem Welternährungsausschuss verabschiedeten „Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern" (VGGT) sind, wie ihr Name schon sagt, lediglich freiwillig. Sie definieren zwar Grundsätze wie Transparenz, Konsultation und Nicht-Diskriminierung, enthalten aber keine Durchsetzungsmechanismen.

Auf nationaler Ebene variiert die Rechtslage erheblich. In vielen Ländern des Globalen Südens ist Boden formal Staatseigentum – was Regierungen die Möglichkeit gibt, Landrechte ohne Zustimmung der lokalen Bevölkerung zu vergeben. Schwache Institutionen, Korruption und mangelhafte Katasterwesen begünstigen dabei intransparente Transaktionen. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie GRAIN, das Oakland Institute oder La Via Campesina fordern seit Jahren verbindliche internationale Standards, doch der politische Wille dazu fehlt vor allem bei den Geberländern und Investitionsstandorten gleichermaßen.

„Land ist keine Ware wie jede andere. Es ist die Grundlage des Lebens für Milliarden von Menschen, die keine andere Wahl haben als von ihm zu leben."

— Olivier De Schutter, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung

Auch die Europäische Union ist in diesem Kontext nicht ohne Mitverantwortung. Europäische Agrarpolitik – Stichwort Biokraftstoffquoten und Importnachfrage nach Soja als Tierfutter – befeuert indirekt die globale Nachfrage nach Agrarflächen im Globalen Süden. Die laufende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik berücksichtigt diese externen Effekte bislang kaum. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel EU-Agrarsubventionen und die GAP-Reform erklärt.

Lösungsansätze: Was kann gegen Landgrabbing getan werden?

Trotz der strukturellen Komplexität des Problems gibt es konkrete Ansätze, die von Forschung und Zivilgesellschaft als wirksam eingestuft werden. Auf politischer Ebene steht die Formalisierung von Landrechten im Vordergrund: Investitionen in nationale Katasterreformen, die auch Gewohnheitsrechte erfassen, können die Vulnerabilität lokaler Gemeinschaften erheblich senken. Äthiopien hat beispielsweise zwischen 2003 und 2012 in mehreren Regionen Low-cost land certification betrieben – mit messbaren positiven Effekten auf Investitionen und Rechtssicherheit für Kleinbauern.

Auf internationaler Ebene fordern zivilgesellschaftliche Organisationen ein verbindliches UN-Instrument zu Wirtschaft und Menschenrechten (das sogenannte „Binding Treaty"), das Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen in ihren globalen Lieferketten haftbar machen würde. Deutschland hat mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), das seit Januar 2023 in Kraft ist, einen ersten Schritt in diese Richtung unternommen – allerdings gilt das Gesetz nur für Unternehmen ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl und enthält keine expliziten Regelungen zu Landrechten.

Darüber hinaus gibt es marktbasierte Ansätze: Zertifizierungssysteme wie Rainforest Alliance, Fairtrade oder der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) versuchen, ökologische und soziale Mindeststandards in globalen Lieferketten durchzusetzen. Die Wirksamkeit dieser freiwilligen Systeme ist in der Forschung jedoch umstritten – Studien zeigen, dass Zertifizierungen oft nicht verhindern, dass Entwaldung und Landkonflikte in nicht-zertifizierten Nachbarbetrieben zunehmen (sogenannte Leakage-Effekte).

Grundsätzlich sind lokale Eigentumsrechte, politische Partizipation und ein funktionierender Rechtsstaat die robustesten Schutzfaktoren gegen Landgrabbing. Internationale Entwicklungszusammenarbeit – auch die deutsche – tut gut daran, diese Strukturen zu stärken, anstatt primär auf wirtschaftliches Wachstum durch ausländische Direktinvestitionen zu setzen. Solange jedoch das internationale Handelssystem Exporte von Rohstoffen aus dem Globalen Süden strukturell bevorzugt und die Nachfrage nach Biokraftstoffen, Tierfutter und Industriepflanzen anhält, werden die ökonomischen Anreize für Landgrabbing bestehen bleiben.

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Häufige Fragen

Landgrabbing bezeichnet den großflächigen Erwerb oder die langfristige Pacht von Agrarland in Ländern des Globalen Südens durch ausländische Investoren, staatliche Akteure oder multinationale Konzerne. Kennzeichnend ist, dass lokale Bevölkerungen häufig ohne freie und informierte Zustimmung verdrängt werden. Der Begriff umfasst sowohl vollständige Eigentumsübertragungen als auch Pachtverträge mit Laufzeiten von bis zu 99 Jahren.

Sub-Sahara-Afrika verzeichnet die höchste Konzentration an großflächigen Landtransaktionen. Besonders betroffen sind Äthiopien, Mosambik, Tansania, Madagaskar und der Sudan. Auch in Teilen Südostasiens – etwa Kambodscha, Laos und Myanmar – sowie in Lateinamerika, insbesondere Brasilien und Argentinien, ist das Phänomen weit verbreitet.

Zu den Hauptakteuren zählen sovereign wealth funds aus Golfstaaten (z. B. Saudi-Arabien, Kuwait), private Finanzinvestoren wie Hedgefonds und Pensionsfonds sowie multinationale Agrarkonzerne der Rohstoffbranche. Auch China ist über staatlich unterstützte Unternehmen wie COFCO als Investor aufgetreten. Die Motive reichen von Ernährungssicherheit über Renditeerwartungen bis hin zum Zugang zu Wasserressourcen.

Ein verbindliches internationales Regelwerk fehlt bislang. Die freiwilligen FAO-Leitlinien von 2012 (VGGT) definieren Prinzipien wie Transparenz und Konsultation, sind jedoch nicht durchsetzbar. Auf nationaler Ebene können Katasterreformen und die Formalisierung von Gewohnheitsrechten wirksam sein. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) von 2023 enthält Ansätze für Unternehmensverantwortung, deckt Landrechtsfragen aber nur indirekt ab.

Landgrabbing und Klimawandel sind eng miteinander verknüpft. Die durch Landgrabbing geförderten Monokulturen – Soja, Palmöl, Zuckerrohr – gehen häufig auf Kosten artenreicher Wälder und Savannen, was erhebliche CO₂-Emissionen verursacht. Gleichzeitig werden REDD+-Kohlenstoffprojekte selbst zunehmend als Vehikel für neuen Landraub kritisiert, da sie lokale Gemeinschaften aus Wäldern verdrängen können, die sie seit Generationen nachhaltig nutzen.

Konsumenten können durch bewusste Kaufentscheidungen Einfluss nehmen: weniger Fleischkonsum reduziert die Nachfrage nach Sojaimporten aus Rodungsgebieten; Produkte mit Fairtrade- oder Rainforest-Alliance-Zertifizierung setzen zumindest Minimalstandards. Wichtiger sind jedoch politische Hebel: die Unterstützung von NGOs wie GRAIN oder La Via Campesina sowie die Forderung nach einer EU-Importregulierung, die Entwaldung und Landrechtsverletzungen konsequent ausschließt.