Was ist Urban Farming – und warum gewinnt es an Bedeutung?
Urban Farming bezeichnet die Produktion von Lebensmitteln innerhalb oder am Rand städtischer Siedlungsräume. Dazu zählen Gemüsegärten auf Hausdächern, Hochbeete in Innenhöfen, Aquaponiksysteme in Fabrikhallen, aber auch großflächige Stadtfarmen in ehemaligen Industriegebäuden. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) betreiben weltweit rund 800 Millionen Menschen eine Form urbaner Landwirtschaft – ein beeindruckender Beleg für die globale Relevanz dieses Konzepts.
Der Grund für das wachsende Interesse liegt auf der Hand: Bis 2050 werden voraussichtlich 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben (UN DESA, 2018). Gleichzeitig steigen die Anforderungen an eine klimaresistente, ressourcenschonende Lebensmittelversorgung. Konventionelle Lieferketten über Hunderte oder Tausende von Kilometern stoßen angesichts von Energiekosten, Transportemissionen und geopolitischen Abhängigkeiten zunehmend an ihre Grenzen. Stadtlandwirtschaft bietet hier einen strukturellen Gegenentwurf.
Dabei ist Urban Farming keine Erfindung der Gegenwart. Historisch betrachtet war städtische Lebensmittelproduktion in Kriegs- und Krisenzeiten weit verbreitet – man denke an die deutschen „Schrebergärten" des 19. Jahrhunderts oder die britischen „Victory Gardens" im Zweiten Weltkrieg. Was heute neu ist, sind die technologischen Möglichkeiten, die wissenschaftliche Unterfütterung und die politische Anerkennung als ernsthaftes Instrument der Ernährungssicherung.
Formen und Technologien der urbanen Ernährungsproduktion
Die Bandbreite von Urban Farming ist enorm. Auf der einen Seite stehen gemeinschaftlich betriebene Kleingärten und Balkonkästen, auf der anderen Seite vollautomatisierte, klimakontrollierte Anlagen, die ohne natürliches Tageslicht auskommen. Die wichtigsten Produktionsformen lassen sich wie folgt unterscheiden:
- Dachgärten und Rooftop-Farming: Genutzte Dachflächen für den Anbau von Gemüse, Kräutern und Obst. In New York betreibt die Brooklyn Grange auf ca. 10.000 m² Dachfläche eine der größten Rooftop-Farmen der Welt.
- Vertikale Farmen (Vertical Farming): Mehrgeschossige Anbausysteme unter künstlichem Licht, oft als Hydroponik oder Aeroponik ausgeführt. Pflanzen wachsen bis zu 300-mal schneller als im Freiland und benötigen bis zu 95 % weniger Wasser.
- Aquaponik: Kombination aus Fischzucht (Aquakultur) und Pflanzenanbau (Hydroponik) in einem geschlossenen Wasserkreislauf. Nährstoffhaltige Fischabwässer düngen die Pflanzen, die Pflanzen reinigen das Wasser für die Fische.
- Gemeinschaftsgärten (Community Gardens): Kollektiv bewirtschaftete Grünflächen, die soziale Kohäsion und Ernährungsbildung verbinden. In Deutschland gibt es laut einer Erhebung des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) über 900 Gemeinschaftsgärten allein in Großstädten.
- Indoor-Farming in Bestandsgebäuden: Nutzung von Kellern, Tunneln oder Leerständen für den Anbau lichtarmer Kulturen wie Pilze, Sprossen oder bestimmter Salatsorten.
Einen besonders kritischen Blick verdient das Vertical Farming: Die Technologie ist vielversprechend, aber energieintensiv. Wer sich eingehender mit den wirtschaftlichen und ökologischen Abwägungen befassen möchte, findet eine fundierte Analyse in unserem Beitrag Vertikale Farmen: Ernährungslösung oder teures Experiment?.
Ökologische Bilanz: Chancen und Grenzen
Urban Farming wird oft als Allheilmittel gegen die ökologischen Folgen industrieller Landwirtschaft dargestellt. Diese Einschätzung ist berechtigt – aber nur mit Einschränkungen. Auf der Positivseite stehen kurze Transportwege, eine erhebliche Reduktion von Lebensmittelverlusten sowie die Möglichkeit, Grünflächen als urbane Wärmeinseln zu kompensieren. Eine Studie der Universität Wageningen (2020) errechnete, dass städtische Gemüsegärten den städtischen Wärmeinseleffekt lokal um bis zu 1,5 Grad Celsius senken können.
Auf der Negativseite steht vor allem der Energieverbrauch technologieintensiver Systeme. Vollständig beleuchtete Indoor-Farmen verbrauchen für ein Kilogramm Salat mitunter drei bis fünfmal mehr elektrische Energie als konventionelle Freilandproduktion. Dieser Nachteil relativiert sich jedoch erheblich, wenn der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt – eine Bedingung, die in vielen europäischen Metropolen zunehmend erfüllt wird.
„Urban Farming kann nicht die gesamte Nahrungsversorgung einer Millionenstadt übernehmen – aber es kann kritische Versorgungslücken schließen, urbane Resilienz stärken und das Ernährungsbewusstsein der Stadtbevölkerung grundlegend verändern."
Besonders positiv ist die Wasserersparnis geschlossener Kreislaufsysteme zu bewerten. Aquaponiksysteme verbrauchen im Vergleich zur Freilandlandwirtschaft bis zu 90 % weniger Wasser. In wasserarmen Regionen – aber auch in deutschen Städten, die in den Sommermonaten zunehmend unter Hitze und Trockenheit leiden – ist das ein handfester Vorteil. Hinzu kommt der vollständige Verzicht auf synthetische Pestizide, der in geschlossenen Systemen einfach zu gewährleisten ist.
Soziale Dimension: Mehr als nur Lebensmittel
Urban Farming ist nicht allein eine produktionstechnische Angelegenheit. Gemeinschaftsgärten und partizipative Stadtfarmen erfüllen wichtige soziale Funktionen, die in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend dokumentiert werden. Untersuchungen zeigen, dass das gemeinsame Gärtnern Einsamkeit reduziert, interkulturellen Austausch fördert und das subjektive Wohlbefinden steigert. In einkommensschwachen Stadtvierteln fungieren urbane Gärten oft als niedrigschwellige Zugänge zu frischen, nährstoffreichen Lebensmitteln – ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Ernährungsgerechtigkeit.
Auch die Ernährungsbildung profitiert. Kinder, die an Schulgartenprojekten teilnehmen, entwickeln nachweislich eine positivere Einstellung gegenüber Gemüse und frischen Lebensmitteln. Eine Metaanalyse von Blair (2009) in der Fachzeitschrift HortTechnology belegte, dass schulische Gartenprogramme die Gemüseakzeptanz bei Kindern signifikant erhöhen. Solche Erkenntnisse haben deutsche Städte wie Berlin, Hamburg und München dazu veranlasst, Schulgartenprojekte systematisch in Lehrpläne zu integrieren.
Ein weiteres, oft übersehenes Potenzial liegt im Bereich der städtischen Biodiversität. Begrünte Dächer und Gemeinschaftsgärten schaffen Lebensräume für Insekten, Vögel und Mikroorganismen. In Berlin wurden auf begrünten Stadtflächen bis zu 150 verschiedene Bienenarten nachgewiesen – ein Wert, der viele konventionelle Agrarlandschaften weit übertrifft. Urbane Ernährungsproduktion und ökologische Aufwertung des Stadtraums sind demnach keine Gegensätze, sondern ergänzen sich produktiv.
Urban Farming und gemeinschaftliche Ernährungsmodelle
Die Stärken von Urban Farming entfalten sich besonders dann, wenn sie mit gemeinschaftlichen Organisationsformen kombiniert werden. Viele städtische Farmen arbeiten nach Prinzipien, die an das Modell der Solidarischen Landwirtschaft erinnern: feste Mitgliedschaften, transparente Kostenverteilung und eine direkte Beziehung zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Mehr zu diesem Organisationsansatz erläutern wir in unserem Artikel Solidarische Landwirtschaft: So funktioniert das SoLawi-Modell.
Städte wie Zürich oder Kopenhagen haben Urban Farming darüber hinaus in ihre offiziellen Stadtentwicklungspläne integriert. In Kopenhagen sieht der Masterplan „Copenhagen City of Architecture" vor, bis 2030 mindestens 20 Prozent der städtischen Dachflächen begrünt oder produktiv genutzt zu haben. Diese politische Rückendeckung ist entscheidend: Ohne regulatorische Rahmenbedingungen, Förderprogramme und eine langfristige Flächenplanung bleibt urbane Landwirtschaft ein Nischenphänomen.
In Deutschland fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) seit 2020 gezielt Modellprojekte im Bereich „Urbane Landwirtschaft und Ernährungssysteme". Das Programm unterstützt unter anderem die Entwicklung von Konzepten, die Stadtplanung, Lebensmittelproduktion und Bildungsarbeit integrieren. Bislang wurden über 40 Projekte mit einem Gesamtvolumen von mehr als 15 Millionen Euro gefördert – ein deutliches Signal, dass Urban Farming auf der politischen Agenda angekommen ist.
Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit: Realistischer Blick auf die Zukunft
Eine der zentralen Fragen für die Skalierbarkeit von Urban Farming betrifft die Wirtschaftlichkeit. Viele urbane Farmprojekte sind auf Subventionen oder ehrenamtliches Engagement angewiesen und würden unter rein marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht rentabel operieren. Allerdings zeigt die Erfahrung kommerzieller Betriebe wie AeroFarms (USA) oder Infarm (Deutschland), dass professionell aufgestellte Urban-Farming-Unternehmen durchaus lebensfähig sein können – vorausgesetzt, sie spezialisieren sich auf Hochpreissegmente wie Microgreens, Kräuter oder Babyblattgemüse.
Die Kostenstruktur ist dabei entscheidend. Während Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte auf absehbare Zeit nicht wirtschaftlich in der Stadt produziert werden können, sind Frischwaren mit kurzer Haltbarkeit und hohem Transportaufwand deutlich attraktiver für urbane Anbaukonzepte. Einzelhandelsketten wie Rewe und Edeka experimentieren bereits mit In-Store-Farmen, bei denen Kräuter und Salate direkt im Supermarkt unter LED-Beleuchtung gezogen werden – ein Modell, das Frische und Transparenz für die Kundschaft sichtbar macht.
Langfristig dürfte die Kombination aus sinkenden LED-Kosten, steigenden Energieeffizienzwerten und wachsender Konsumentennachfrage nach regionalen Produkten die Wirtschaftlichkeit urbaner Farmen verbessern. Gleichzeitig warnen Ökonominnen wie Prof. Dr. Mara Siegert (Universität Hohenheim) davor, übertriebene Erwartungen zu schüren: Urban Farming kann die konventionelle Landwirtschaft ergänzen, aber nicht ersetzen. Realistisch betrachtet könnte Stadtlandwirtschaft bis 2050 bis zu 10 Prozent des städtischen Gemüsebedarfs decken – ein bedeutsamer, aber kein dominierender Anteil.
Handlungsempfehlungen: So können Städte Urban Farming fördern
Damit urbane Ernährungsproduktion ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es ein koordiniertes Zusammenspiel von Politik, Stadtplanung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die folgenden Maßnahmen haben sich in der Praxis als besonders wirksam erwiesen:
- Flächensicherung und Bebauungsplanung: Städte sollten Urban Farming explizit in Bebauungsplänen verankern und Flächen langfristig vor Spekulation schützen.
- Förderprogramme für Anschubfinanzierung: Startkapital für Infrastruktur (Gewächshäuser, Wassersysteme, Beleuchtung) senkt die Einstiegshürde für neue Projekte erheblich.
- Vernetzung und Wissenstransfer: Regionale Netzwerke wie das „Berliner Stadtgarten-Netzwerk" oder das österreichische „Forum Urbane Landwirtschaft" ermöglichen Erfahrungsaustausch und verhindern, dass jedes Projekt das Rad neu erfinden muss.
- Integration in Bildungseinrichtungen: Schulgärten und Hochschulpartnerschaften stärken die Wissensbasis der nächsten Generation und schaffen Bewusstsein für Lebensmittelproduktion.
- Regulatorische Erleichterungen: Genehmigungsverfahren für Dachfarmen oder temporäre Nutzungen sollten vereinfacht werden, um bürokratische Hürden abzubauen.
- Öffentliches Beschaffungswesen nutzen: Kantinen in Schulen, Krankenhäusern und Behörden können gezielt Produkte aus urbanen Farmen beziehen und so stabile Absatzmärkte schaffen.
Urban Farming ist kein romantisches Gartenprojekt – es ist ein ernstzunehmendes Instrument der Ernährungspolitik, das bei richtiger Förderung nachhaltige und messbare Beiträge zur urbanen Ernährungssicherung leisten kann. Wer die Transformation urbaner Ernährungssysteme voranbringen möchte, kommt an einer systematischen Förderung der Stadtlandwirtschaft nicht vorbei.