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Agroforst: Bäume auf dem Acker als Klimastrategie

DDr. Lena Brachtmann 6 min Lesezeit

Agroforst: Bäume auf dem Acker als Klimastrategie

Agroforstwirtschaft kombiniert Bäume mit Ackerkulturen oder Weideland und gilt als eine der wirkungsvollsten naturbasierten Klimaschutzstrategien. Gut dokumentierte Systeme binden zwischen 1,3 und 3,1 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar und Jahr und verbessern gleichzeitig Biodiversität, Wasserhaushalt und langfristige Betriebsresilienz. Dieser Artikel beleuchtet Funktionsweise, Wirtschaftlichkeit und die verbleibenden Hemmnisse der Agroforst-Praxis in Deutschland.

Was ist Agroforstwirtschaft – und warum ist sie kein neues Konzept?

Der Begriff Agroforst klingt nach moderner Innovationsrhetorik, beschreibt jedoch eine der ältesten Landbewirtschaftungsformen der Menschheit. Agroforstsysteme kombinieren gezielt Gehölze – Bäume, Sträucher oder Hecken – mit Ackerkulturen oder Weidewirtschaft auf derselben Fläche. In Westafrika, Südostasien und weiten Teilen Lateinamerikas sind solche Systeme bis heute Standard. In Mitteleuropa hingegen verdrängte die Flurbereinigung der Nachkriegsjahrzehnte den letzten Rest dieser Strukturen fast vollständig.

Wissenschaftlich wird Agroforstwirtschaft als ein Landnutzungssystem definiert, bei dem Holzpflanzen absichtlich mit Ackerkulturen oder Tieren auf derselben Fläche kombiniert werden, sodass ökologische und wirtschaftliche Wechselwirkungen entstehen (Nair, 1993). Diese Definition schließt klassische Streuobstwiesen ebenso ein wie moderne Alley-Cropping-Systeme, bei denen Baumreihen im definierten Abstand zwischen Getreide- oder Gemüsestreifen angelegt werden. Der entscheidende Unterschied zu reiner Forstwirtschaft: Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt erhalten und steht gleichberechtigt neben der Holzproduktion.

Für das Klima ist diese Kombination besonders relevant. Bäume speichern Kohlenstoff nicht nur in der Biomasse oberirdischer Strukturen, sondern auch in Wurzeln und im Boden. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) stuft Agroforstsysteme in seinem Sonderbericht über Landnutzung (SRCCL, 2019) als eine der wirkungsvollsten naturbasierten Klimaschutzmaßnahmen ein.

Kohlenstoffspeicherung: Welche Mengen sind realistisch?

Zahlen schaffen Klarheit, wo Versprechen vage bleiben. Laut einer Metaanalyse von Feliciano et al. (2018), die 53 Studien aus gemäßigten Klimazonen auswertete, speichern Agroforstsysteme in Europa und Nordamerika im Mittel zwischen 1,3 und 3,1 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar und Jahr – je nach Baumart, Bestandsalter und Standortbedingungen. Zum Vergleich: Ein konventionell bewirtschafteter Ackerboden verliert im Mittel rund 0,5 bis 1,0 t C/ha/Jahr durch Bodenbearbeitung und Erosion.

Der größte Speicheranteil liegt dabei nicht in den Ästen und Stämmen, sondern im Wurzelsystem und in der organischen Bodensubstanz. Tiefwurzelnde Baumarten wie Walnuss (Juglans regia), Erle (Alnus glutinosa) oder Schwarzerle können Kohlenstoff in Tiefen verlagern, die von der Bodenbearbeitung nicht berührt werden. Das macht die Speicherung stabiler und langfristiger als oberirdische Biomasse allein.

Hinzu kommt der Effekt auf die CO₂-Bilanz der Landwirtschaft insgesamt: Durch verbessertes Mikroklima, reduzierten Winderosionseintrag und höhere Wasserhaltekapazität des Bodens sinkt der Energie- und Betriebsmittelaufwand je Flächeneinheit – und damit die indirekten Emissionen des Betriebs.

Ökologische Zusatzleistungen jenseits des Klimaschutzes

Agroforstsysteme liefern ein ganzes Bündel ökosystemarer Leistungen, die über die reine CO₂-Bindung hinausgehen. Besonders gut dokumentiert ist die Wirkung auf die Biodiversität: Eine Untersuchung im Rahmen des EU-Projekts AGFORWARD (2014–2017) zeigte, dass Agroforstsysteme im Vergleich zu reinen Ackerflächen im Mittel 35 Prozent mehr Brutvogelarten und doppelt so viele Insektenarten beherbergen.

Die Auswirkungen auf den Wasserhaushalt sind ebenfalls signifikant. Baumwurzeln erhöhen die Infiltrationsrate des Bodens, reduzieren oberflächlichen Abfluss und damit Stickstoff- und Phosphorausträge in Gewässer. Französische Langzeitstudien aus dem Montpellier-Raum belegen, dass Walnuss-Weizen-Kombinationen den Nitratausschwemmungsgrad um bis zu 70 Prozent gegenüber reinem Weizenbau senken konnten (Dupraz & Liagre, 2011).

Schatteneffekte durch Baumreihen wirken zudem als natürlicher Hitzepuffer. Bei Temperaturen über 35 °C – in Deutschland seit 2018 keine Seltenheit mehr – können Kulturen in der Baumschattenzone ihre Transpiration reduzieren und photosynthetisch aktiv bleiben, während benachbarte Freiflächen unter Trockenstress leiden. Dieses Mikroklima ist ein direkt messbarer Anpassungsvorteil an die Klimakrise.

Gängige Agroforstsysteme im Überblick

Nicht jeder Betrieb hat die gleichen Voraussetzungen. Deshalb existiert eine Vielfalt von Systemtypen, aus denen Landwirtinnen und Landwirte je nach Standort, Produktionsrichtung und Kapitaleinsatz wählen können:

  • Alley Cropping: Baumstreifen (z. B. Pappel, Robinie, Kirsche) in Abständen von 20–50 m, dazwischen weiterhin Ackerkulturen. Ideal für große Schläge in Regionen mit hohem Winderosionsrisiko.
  • Silvopastorale Systeme: Bäume auf Grünland oder in Weidehaltung. Tiere profitieren von Schatten und Falllaub; Boden von reduziertem Trittdruck unter Baumkronen.
  • Streuobstsysteme: Hochstamm-Obstbäume über Wiesen oder extensivem Grünland – in Süddeutschland traditionell, aktuell stark rückläufig und förderwürdig.
  • Hecken-Systeme (Bocage): Lineare Heckenstrukturen entlang von Feldgrenzen; besonders wirksam gegen Erosion und als Vernetzungskorridore für Fauna.
  • Waldgarten: Mehrstöckiges System mit Bäumen, Sträuchern, Stauden und Bodendeckern – eher im Bereich Kleinstlandwirtschaft und Subsistenz verbreitet.
  • Kurzumtriebsplantagen (KUP) im Agroforst-Kontext: Schnellwachsende Gehölze (Weide, Pappel) mit kurzen Ernterhythmen von 3–5 Jahren, kombiniert mit Feldfrüchten.

Die Wahl des Systems sollte immer auf einer Standortanalyse basieren: Bodentyp, Wasserverfügbarkeit, mittlere Windgeschwindigkeit und die bestehende Maschinenausstattung des Betriebs sind entscheidende Parameter. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht – was in der Burgundischen Tiefebene funktioniert, muss in der Magdeburger Börde anders aussehen.

Wirtschaftlichkeit: Lohnt sich Agroforst für Landwirtschaftsbetriebe?

Die ehrliche Antwort lautet: mittelfristig ja, kurzfristig mit Einschränkungen. In den ersten fünf bis zehn Jahren nach der Anlage entstehen Kosten für Pflanzgut, Schutz vor Wildverbiss und ggf. Anpassungen an der Maschinentechnik. Gleichzeitig reduzieren die Baumstreifen die nutzbare Ackerfläche je nach Systemdesign um vier bis zwölf Prozent.

„Agroforstsysteme zahlen sich nicht im dritten Jahr aus, sondern im dreißigsten. Wer das versteht, investiert in die Resilienz seines Betriebs – nicht in eine Mode." — Prof. Dr. Georg Graß, Universität Kassel-Witzenhausen, Tagung Ökolandbau 2022

Langfristig jedoch zeigen Modellrechnungen des Thünen-Instituts für Ländliche Räume, dass Agroforstsysteme mit Qualitätsholzarten (Kirsche, Walnuss, Eiche) nach 30–40 Jahren erhebliche Holzerlöse generieren können – bei gleichzeitig stabilen oder leicht verbesserten Ackererträgen durch Schutzwirkungen. Eine Walnuss-Allee auf einem 20-Hektar-Betrieb kann nach 40 Jahren Stammholz im Wert von mehreren zehntausend Euro liefern.

Zusätzlich eröffnen sich Finanzierungsquellen: In Deutschland fördert die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU seit 2023 Agroforstsysteme über Eco-Schemes und Agrarumweltprogramme der Bundesländer. Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg haben bereits spezifische Förderprogramme aufgelegt, die Anlagekosten von bis zu 80 Prozent bezuschussen. Für Betriebe, die gleichzeitig regenerative Landbewirtschaftungsstrategien verfolgen, können Synergien zwischen verschiedenen Fördertöpfen entstehen.

Hürden und offene Fragen: Was Agroforst noch bremst

Trotz der überzeugenden Datenlage bleibt die Verbreitung von Agroforstsystemen in Deutschland gering. Der Bundesverband Agroforstwirtschaft e. V. schätzt, dass derzeit weniger als 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in agroforstwirtschaftlicher Nutzung steht. Zum Vergleich: In Frankreich sind es bereits rund 1,6 Prozent, in Portugal über 30 Prozent (Montado-System). Was hemmt die Entwicklung hierzulande?

Ein zentrales Problem war lange die rechtliche Grauzone: Bäume auf Ackerflächen galten im deutschen Flächenkataster bis 2022 als Verstoß gegen die Ackerflächendefinition und führten zum Verlust von Direktzahlungen. Diese Regelung wurde durch die GAP-Reform 2023 formal aufgehoben – die praktische Umsetzung auf Länderebene ist jedoch noch nicht bundesweit einheitlich.

Weitere Hemmnisse umfassen:

  • Fehlende Beratungsinfrastruktur: Viele Landwirtschaftsämter haben keine ausgebildeten Agroforst-Beraterinnen und -Berater.
  • Maschinenkompatibilität: Standardbreiten für Traktoren und Erntemaschinen erfordern angepasste Pflanzreihenabstände von mindestens 27 m für konventionelle Mähdrescher.
  • Langfristige Unsicherheit: Pachtverträge laufen oft nur 6–12 Jahre; Bäume auf Pachtland sind rechtlich und wirtschaftlich kompliziert.
  • Wissenslücken: Die Interaktion zwischen Baumarten und spezifischen Ackerkulturen ist regional noch unzureichend erforscht.

Die Forschung schließt diese Lücken zunehmend. Das Netzwerk NABU-Agroforst, das Horizon-Europe-Projekt „SustainFARM" sowie mehrere Reallaborprojekte an deutschen Hochschulen liefern seit 2020 praxisnahe Daten aus deutschen Pilotbetrieben. Die Erkenntnisse aus diesen Projekten werden die Entscheidungsgrundlage für Betriebe in den kommenden Jahren erheblich verbessern.

Agroforst als Baustein einer integrierten Klimastrategie

Kein Einzelinstrument löst die Klimakrise im Agrarsektor allein. Agroforstwirtschaft entfaltet ihre größte Wirkung als Teil eines integrierten Ansatzes: kombiniert mit Direktsaatverfahren, Zwischenfruchtanbau, reduzierten Stickstoffgaben und einer verstärkten Humusbildungsstrategie. In diesem Zusammenspiel können Agroforstsysteme dazu beitragen, einen Ackerbetrieb mittelfristig zur Netto-Kohlenstoffsenke zu machen – ein Ziel, das in der EU-Klimastrategie bis 2050 explizit angestrebt wird.

Das politische Interesse wächst: Im Rahmen der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und der Farm-to-Fork-Strategie ist Agroforstwirtschaft als Maßnahme mit hohem Skalierungspotenzial eingestuft. Deutschland hinkt bei der nationalen Umsetzung anderen EU-Mitgliedstaaten noch hinterher, doch die Förderlandschaft verbessert sich spürbar. Für Betriebe, die jetzt handeln, bietet sich ein First-Mover-Vorteil: Sie sammeln Erfahrung, bauen Baumbestände auf und positionieren sich für zukünftige CO₂-Zertifikatsmärkte, die derzeit für Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland im Aufbau sind.

Agroforstwirtschaft ist keine romantische Rückkehr in eine vorindustrielle Vergangenheit. Sie ist eine wissenschaftlich fundierte, wirtschaftlich viable und ökologisch robuste Antwort auf die Herausforderungen, die der Klimawandel an die Landwirtschaft stellt. Die Bäume müssen nur wieder auf die Felder.

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Häufige Fragen

Ein Agroforstsystem ist eine Landnutzungsform, bei der Holzpflanzen – also Bäume oder Sträucher – absichtlich mit Ackerkulturen oder Tierhaltung auf derselben Fläche kombiniert werden. Ziel ist es, ökologische und wirtschaftliche Wechselwirkungen zu nutzen, etwa die gleichzeitige Produktion von Holz, Nahrungsmitteln und Ökosystemleistungen wie Kohlenstoffspeicherung und Biodiversitätsförderung.

Studien aus gemäßigten Klimazonen beziffern die Kohlenstoffspeicherleistung von Agroforstsystemen auf durchschnittlich 1,3 bis 3,1 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar und Jahr – entsprechend etwa 4,8 bis 11,4 Tonnen CO₂-Äquivalent. Der genaue Wert hängt von Baumart, Bestandsalter, Bodentyp und klimatischen Bedingungen ab.

Seit der GAP-Reform 2023 ist die frühere Regelung, die Bäume auf Ackerflächen als Verstoß wertete, formal aufgehoben. Agroforstsysteme können seitdem über Eco-Schemes und Agrarumweltprogramme der Bundesländer gefördert werden – in einigen Ländern wie Brandenburg und Bayern mit bis zu 80 Prozent der Anlagekosten. Die Umsetzung ist jedoch noch nicht bundesweit einheitlich.

Kurzfristig kann die Ackerfläche durch Baumstreifen um 4 bis 12 Prozent verringert werden. Langfristig zeigen Studien jedoch, dass Schutzwirkungen – Windreduktion, Mikroklima, verbesserte Wasserhaltekapazität – die Erträge auf den verbleibenden Flächen stabilisieren oder steigern können. Hinzu kommen Holzerlöse, die die Gesamtrentabilität des Betriebs nach mehreren Jahrzehnten deutlich verbessern.

Bewährt haben sich tiefwurzelnde Qualitätsholzarten wie Walnuss, Kirsche und Eiche für langfristige Holzproduktion sowie Erle und Robinie für schnelles Wachstum und Stickstoffanreicherung. Für Kurzumtriebssysteme werden häufig Pappeln und Weiden eingesetzt. Entscheidend ist die Anpassung an den jeweiligen Standort – Boden, Wasserverfügbarkeit und Regionaltklima bestimmen die Artenwahl maßgeblich.